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Triage auf der Notfallstation

Wie soll eine Klinik vorgehen, wenn schwerkranke Patientinnen eingeliefert werden und die Notfallstation bereits überlastet ist? Weder das Parlament noch der Bundesrat haben sich bis heute zu diesen heiklen Fragen geäussert. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat diese Lücke nun teilweise gefüllt und Kriterien festgelegt, welche bei der Triage zu beachten sind. Die Kriterien sind für den Alltag in einer Notfallstation aber wenig tauglich und teilweise nicht nachvollziehbar.

Folgende Kriterien sollen gemäss der Richtlinie von den verantwortlichen Ärztinnen und Ärzten beachtet werden:


  • Gerechtigkeit: Zur Verfügung stehende Ressourcen sind ohne Diskriminierung zu verteilen, also ohne nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung nach Alter, Geschlecht, Wohnort, Nationalität, religiöser Zugehörigkeit, sozialer Stellung, Versicherungsstatus oder chronischer Behinderung.

  • Möglichst viele Menschenleben erhalten: Entscheidungen sollen so getroffen werden, dass möglichst wenig Menschen schwer erkranken oder sterben.

  • Prinzip der Patientenautonomie: Knappe Ressourcen sollen keinesfalls für Behandlungen eingesetzt werden, die ein Patient nicht in Anspruch nehmen möchte.

  • Schutz der involvierten Fachpersonen: Fachpersonen, die im Falle einer Ansteckung mit dem Coronavirus ein erhöhtes gesundheitliches Risiko aufweisen, sind besonders zu schützen und sollen nicht in der Betreuung von Covid-19- Patienten eingesetzt werden.


Doch was ist genau darunter zu verstehen?

Gemäss dem Kriterium der Gerechtigkeit dürfen Patienten nicht aufgrund ihre Alters diskriminiert werden. Diesem Grundsatz widerspricht die Richtlinie gleich wieder, indem das Alter indirekt im Rahmen des Hauptkriteriums «kurzfristige Prognose» berücksichtigt werden soll, denn ältere Menschen würden häufiger unter Co-Morbiditäten leiden. Ob effektiv eine Co-Morbidität vorliegt, muss also nicht geprüft werden, sondern diese wird alleine aufgrund des Alters als vorliegend angenommen. Damit ist nicht der Gesundheitszustand - sondern das Alter einer Patientin – das ausschlaggebende Kriterium.

Auch das Prinzip der Privatautonomie dürfte die Teams auf den Intensivstationen vor grosse Probleme stellen. Es ist klar, dass der Wille eines Patienten auf lebenserhaltende Massnahmen zu verzichten, zu beachten ist. Doch wie ist vorzugehen, wenn keine Patientenverfügung vorliegt oder diese unklar oder unverständlich ist? Was, wenn der Patient seinen vormaligen Willen widerruft? Was wenn dabei unklar ist, ob er überhaupt noch urteilsfähig ist?

Nicht verständlich ist das letzte Kriterium, welches fordert, dass Fachpersonen mit erhöhten gesundheitlichen Risiken besonders zu beschützen sind. Welchen Einfluss soll dieses Kriterium auf den Entscheid der weiteren Behandlung oder deren Unterlassung haben und welche Fälle sind darunter zu subsumieren? Sind hier hochansteckende Patienten gemeint, die ein erhöhtes Risiko für die Fachpersonen darstellen? Oder renitente Patienten, welche sich einer Behandlung verweigern?

Es ist zu begrüssen, dass mit der Richtlinie der SAMW eine erste Grundlage besteht, welche Kriterien im Fall einer Ressourcenknappheit zu berücksichtigen sind. Trotzdem wäre es wünschenswert, dass diese Kriterien kritisch diskutiert und verfeinert werden. Ärzte sind aufgrund ihrer Sorgfaltspflichten gegenüber den Patienten verpflichtet, sämtliche gebotenen Behandlungen vorzunehmen. Die Kriterien einer Unterlassung dieser Hilfeleistung dürfen nicht dermassen offen formuliert werden, ansonsten geben sie wenige Orientierung. Wenn aber schon die Kriterien unklar sind, können von den verantwortlichen Fachpersonen auch keine sachlich und transparent begründeten Entscheide erwartet werden.

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